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Weggabelung – Entscheidungen treffen

„Herz über Kopf“, dröhnt das Radio in mein Ohr. Oder ist es meine eigene innere Stimme, die versucht, mir einen Ratschlag zu erteilen?

Ich stehe an einer Weggabelung und weiß nicht, welchen Abzweig ich wählen soll. Wie fällt man Entscheidungen? Und noch dazu so wichtige? Wie kann ich meine Zukunft planen? Herz oder Kopf? Bauch oder Verstand? Rational oder Emotional?

Ich fälle jeden Tag Entscheidungen. Über die meisten denke ich gar nicht nach. Porridge oder Toast zum Frühstück? Binde ich die Haare zum Zopf oder trage ich sie offen? Möchte ich das Fahrrad nehmen, oder kaufe ich heute ein Bahnticket? Cocktails oder Club? Ja oder Nein? Rechts oder Links?

Mit wem, wann, was, wie? WEGGABELUNG! Und ich steh unentschlossen da und trete von einem Bein aufs Andere. Kann mir denn niemand helfen? Irgendjemand? Bitte!?

Ich bin ein sehr unentschlossener Mensch und treffe meine Wahl niemals unüberlegt. Kopfmensch. Zu verkopft vielleicht. Pro- und Contralisten sind meine besten Freunde, ich steh auf Rationalität, Fundiertheit, Abwägen, Sorgsamkeit.

Und dann… Schmeiße ich den Plan doch wieder um.

Meine Pro – und Contraliste liegt vor mir, die Entscheidung ist doch eigentlich bereits gefällt, doch irgendwie… fühlt es sich vielleicht nicht immer richtig an.

Mach mal die Augen zu. Atme ganz tief durch. Hör in dich rein. Hörst du sie flüstern, diese innere Stimme? Deinen ureigenen Instinkt? Was sagt er?

Ich glaube ganz fest daran, dass alles im Leben aus einem Grund geschieht. Ok, vielleicht nicht alles. Das mir meine Lieblingstasse heruntergefallen ist, war sicher weder ein böses Zeichen noch steckte ein kosmischer Sinn dahinter, das sicherlich nicht. Aber doch die wesentlichen Schritte.

Ich habe damals eine halbe Ewigkeit überlegt, welches Schulprofil ich wählen soll. Hatte mich schon fest für die kreative Schiene entschieden – und dann doch wieder alles umgeschmissen. Im Nachhinein war es die richtige Entscheidung. Ohne meine Sprachkenntnisse wäre ich sicher nicht in die Bretagne gefahren, hätte die Arche nicht kennengelernt und damit so wundervolle Menschen für immer missen müssen, die ich jetzt als meine Familie bezeichne.

Und auch die Entscheidung für eben diese Einrichtung fiel mir keinesfalls leicht – und erwies sich im Nachhinein als die vielleicht bisher Beste meines Lebens.

Und jetzt stehe ich wieder vor einer Weggabelung. Weiß nicht, welche Richtung mein Gehirn für die Beste hält. Wie trifft man solche Entscheidungen? Wie treffe ich eine Wahl für meine Zukunft?

Rechts oder Links? Kopf oder Zahl? Geh oder Steh? Herz oder Kopf?

… Herz … !!

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Leni

Ankommen – nur wo? // Nach einem Jahr im Ausland zurückkehren

Als ich noch kleiner war, waren die wilden Hühner meine Lieblingsbuchreihe. Wie vermutlich von so ziemlich jedem Mädchen um die acht bis zehn Jahre. Meine Lieblingsfigur, Frida, kam damals auf die Idee, man müsse die schönsten Momente im Leben einfangen und in ein Marmeladenglas sperren können. Damit man an grauen, kalten Regentagen das Glas aufschrauben und ein bisschen Sonnenschein oder eine gute Umarmung auf der Haut spüren kann.

Die Idee hat mich nie losgelassen. Ich sammle in meinem Inspirations-/Notizbuch seit geraumer Zeit solche „Marmeladenglasmomente“ . Und gerade würde ich gern an ein paar von ihnen zurückkehren…

Ich bin zurück in Deutschland. Zurück „in der Heimat“ nach einem Jahr fernab von allem Vertrauten. Fernab von Sauerkraut und Schwarzbrot, Fahrradwegen und Familie. Weit weg von Händeschütteln zur Begrüßung und dem Elbufer.

Ich habe Baguette gegessen und Cidre getrunken, Küsschen verteilt, Sternschnuppen gezählt. Ich bin mit dem Auto zwanzig Minuten in die nächste Stadt gefahren, um einen Café trinken zu gehen (Espresso übrigens, der café au lait ist ein ziemlicher Schwindel und nicht sehr französisch) und ich habe nächteweise am Strand mit meinem besten Freund ums Lagerfeuer getanzt.

Und das alles, das ist nach und nach, schleichend und unaufgeregt… einfach ein Teil von mir geworden. Ich gehöre dort jetzt hin. Genau so sehr, wie ich auch hier hin gehöre. Ich habe Familie dort – genauso wie eben auch hier.

Ich bin ein bisschen Bretonin – und auch immer noch Sächsin – bien sûr.

Ich habe jetzt zwei Zuhause. Zwei Familien. Zwei Freundeskreise.

Und ich habe Heimweh. 

Ich kann damit noch nicht wirklich umgehen. Mit dem Zurückkommen. Mich wieder neu einfinden. Es fühlt sich komisch an, mit der Kassiererin im Supermarkt Deutsch zu sprechen, genauso wie es gestern merkwürdig war, den Leuten, die ich noch nicht kenne, beim Grillabend mit Freunden die Hand zu schütteln, anstatt ihnen ganz hemmungslos Küsschen auf beide Wangen zu drücken.

Warum empfinden wir so? Es macht mich traurig, dieses Heimweh zu spüren, wie kleine Nadelstiche im Herz. Ich bin doch Zuhause. Ich bin unglücklich, weil ich meine Familie vermisse, dabei ist sie doch hier.

Mir fehlt eine Hälfte. Mein Herz ist größer geworden im letzten Jahr. Problemerprobter, ungestümer, erfahrungsreicher, kulturgeteilter. Es hat sich einfach verdoppelt. Und jetzt herrscht in der neuen Seite plötzlich ein Vakuum, mit dem ich nicht umgehen kann.

Ich fühle mich – ein wenig ohnmächtig. Irgendwie fehl am Platz. Unvollständig. Ohne die Menschen und die Umgebung vom letzten Jahr. Es raubt mir Selbstvertrauen und ein kleines Stück meines Lächelns, sie nicht bei mir zu haben.

Das ist sicherlich normal – aber es tut weh. Heute. Und sicher auch noch morgen.

Und doch tut es gut, zu wissen, warum dieser Schmerz da ist. Weil ich jetzt zwei Zuhause habe. Zwei Familien. Zwei Freundeskreise. Zwei Plätze auf der Welt, an denen ich richtig bin – ich bin.

Mich würde interessieren: Habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht? Kommt noch jemand gerade aus dem Ausland zurück oder hat eine Zeit erlebt, die sein Leben verändert hat? Wo fühlst DU dich zuhause?

Leni

Neujahrsvorsätze im August // Die Lüge vom richtigen Zeitpunkt

Ein weiser Mann hat ureinst mal gesagt…
„Nichts Besonderes.“ Meine voranggangene Frage war gewesen, was er an Silvester so mache, oder ob er noch keine Pläne hätte. „Wie jetzt, nicht Besonders?“, habe ich ein wenig perplex gefragt, „Es ist doch immerhin Silvester.“ „Ja, na und?“, hörte ich ihn beinah beim Tippen lächeln. „Das ist doch auch nur ein ganz normaler Tag. Ein Montag vielleicht, oder sogar ’nur‘ ein Donnerstag. Ich finde es merkwürdig, dass die Leute all ihre Hoffnungen und Vorsätze in diesen einen Moment legen. Die Ansprüche für den perfekten Abend auf diesen Augenblick. Das Ende des Jahres. Das ist doch Quatsch. Man sollte doch jeden Abend versuchen zu genießen, perfekt zu machen, den Moment auszukosten. „Carpe Diem“ ist doch ein Alltags-Ding und keine Sektglasfloskel. So sollte es zumindest sein. Da mach ich mir lieber einen schönen Abend mit Kumpels, anstatt einem riesigen Orginationsgeklüngel, bei dem hinterher irgendetwas schief geht und ich dann enttäuscht und mit schlechter Laune in ein dann ja ‚unter einem schlechten Stern stehendes Jahr‘ hineinrutsche, wie man vlt. sagen würde.  Nee du, ich heb mir die
I-Tüpfelchen lieber für den Rest des Jahres auf.“

Im ersten Moment hab ich den Kopf geschüttelt und leise in mich hineingelacht. Silvester mit Freunden – klar. Aber doch auch schick angezogen und zurechtgemacht, parfumbesprüht und ein bisschen ausgelassener als sonst, mit Sekt und Konfetti und Wunderkerzen und irgendwie besonders eben. Oder? Damit man postiv,  ausgelassen und mit guten Vorsätzen ins neue Jahr startet. In diesen schönen – ähm ja, Mittwoch? Freitag? Und beginnt man mit der angestrebten Diät und dem ab jetzt viel höheren wöchentlichen Sportpensum nicht eigentlich traditionell an Montagen?

„Carpe Diem ist doch ein Alltags-Ding und keine Sektglasfloskel“

Weiß dein Körper denn, dass wir jetzt 2017 – oder 18 schreiben, oder das Montag ist, oder der erste Tag im neuen Schul- oder Unijahr, oder, oder, oder, …?? Nee,  eigentlich nicht, ist eher so n Psycho-Ding, oder?

Und wenn du jetzt schon deinen Klausurenstoff lernst, kriegst du bis zu deiner Prüfung bestimmt mehr in deinen Kopf, stimmts?

Der Salat tut dem Kaminfeuerbody genausogut wie der Bikinifigur, wenn du dich nicht wohlfühlst, ist das doch ein Ganz-Jahres-Problem!

Ich habe gute Vorsätze. Und hab die mal einfach aufgeschrieben. Heute. An einem Donerstagnachmittag. Mitten im Jahr. Dann ist ein x-beliebiger Tag des bereits angebrochenen Augustmonats jetzt eben mein persönlicher Neujahrsmorgen. Ich pflücke meinen Tag heute und warte auch nicht bis morgen früh!

Die Lüge vom perfekten Moment ist nämlich genau das – eine Lüge!

Egal, was du dir so vornimmst, es gibt keinen Grund, warum das zu Beginn des neuen Jahres, oder auch nur einer neuen Woche besser klappen sollte, als genau jetzt, in diesem Moment. Jeder Tag, jede Minute deines Lebens ist ein unbeschriebenes, weißes Blatt, ein Neuanfang. Ein bisschen Silvester.

Also bitte, heute nicht warten – wer zu lang wartet, macht es nie.

„Denn wir vergessen zu oft, dass heute die Zukunft ist, die wir jns gestern versprochen haben!“

Leni 

Ps: Was ist dein Mittmonatsvorsatz?

Handgepäck-Reisen // Minimalismus – Was brauche ich wirklich?

„Denn es reist sich besser mit leichtem Gepäck…“

Ich habe so viele Dinge. Mehr, als ich jemals benutze.
Ich habe mehr Schuhe, als ich trage,
mehr Ideen, als ich sage
und mehr Schokolade, als mir gut tut.
Ich habe mehr 2dos als Zeit
Ich hab mehr, dass mich einengt, als was mich befreit
und ich habe sowieso viel zu viel … von Allem.
Mehr Bücher, als ich verschlinge
zu viele Fragen, mit denen ich ringe
und die ich sowieso nie löse.

Dabei brauche ich gar nicht viel. Das ist mir Ende letzter Woche klar geworden. Ich bin nach Budapest geflogen. Eine Freundin besuchen. Der Haken an dem Abenteuer: Ich fliege nur mit Handgepäck. In meinem Fall bedeutet das: 8 Kilo Kofferinhalt. Na, Dankeschön! Der kleine Koffer wurde nur mit dem Nötigsten gefüllt, doch trotzdem zeigte die Waage hinterher noch immer 12 Kilo an. Mist! Ok, worauf kann ich noch verzichten? Die Antwort nach einer viertel Stunde Umsortieren: Auf fast alles. Übrig geblieben sind nur einige T-Shirts, ein Paar Schuhe für den Flug, eine Jacke (ebenfalls auf dem Flug angezogen), Unterwäsche, Shorts, zwei Kleider. Zahnbürste. Die Creme war schon zu viel, wird vor Ort geliehen. Ein winziges Bisschen Kosmetik. Portemonnaie. Und die Flugtickets. Fertig. Achso, natürlich meine Kamera! Die hänge ich mir so um den Hals. Alles Andere bleibt da. Der ganze Rest, von dem ich dachte, ich bräuchte ihn für 10 Tage… Bleibt da.

Das Fazit: Ich brauche so wenig. Warum konnte ich das nicht verstehen, bevor mein Koffer zu schwer war und ich gezwungen war, sie auszusortieren ?

Nun gut, Lektion gelernt. „Denn es reist sich besser mit leichtem Gepäck…“

Leni

Kulinarische Authentizität – Was uns am Essen so fasziniert 

Was fasziniert uns eigentlich so am Essen? Klar, es ist eine Notwendigkeit.  Ein Grundbedürfnis eben. Unser Körper benötigt dieses und jenes Vitamin oder Mineral, muss mit soundso viel Energie versorgt werden, damit er gut funktioniert. Aber darüber hinaus?

Was ist dir beim Essen wichtig? Viele würden jetzt vermutlich antworten: „Na, dass es gut schmeckt!“ Vielleicht auch der Gesundheitsaspekt, also das möglichst wenige Kalorien drinstecken, keine verarbeiteten Lebensmittel oder eher pflanzliche als tierische Produkte. Wir schwimmen alle mehr und mehr auf der grünen Welle.

Schauen wir uns die Restaurant- und Café- Kartenauswahl in den trendigen Vierteln der Stadt oder im Netz an, fällt auf: Essen muss das gewisse Etwas mitbringen.

Da ist natürlich der gute Geschmack. Klar. Aber mittlerweile muss Essen mehr können. Es muss einfach zuzubereiten sein, mit möglichst natürlichen Zutaten, trotzdem irgendwie pfiffig und extravagant daherkommen, zum Beispiel mithilfe sogenannter Superfoods wie Chia, Goji, Matcha und Co. Wir wollen  trendigen #Foodporn mit #instagramable environment. Und da wären wir auch schon beim nächsten Aspekt.

Das Ambiente. Das ist uns mittlerweile fast genauso wichtig, wie das eigentliche Essen und so gehört die Wohlfühl- Hipsteratmosphäre für jeden Zweiten zum Genusserlebnis fest dazu. Meinetwegen auch zuhause. In der bauchigen Lieblingstasse mit Lebensmotrospruch schmeckt der Kaffee doch gleich 1000mal besser, oder? Und ein nornaler Apfel und ein von Mama aufgeschnitter Apfel sind auch zwei völig verschiedene Obstsorten, hab ich recht?

Was uns also wirklich wichtig ist bei der Kalorienaufnahme? Die kulinarische Authentizität!

Nichts schlägt zum Beispiel die gute alte Brotzeit beim Wanderausflug auf der Alm, bestehend einfach nur aus Käse, Brot und frischer Buttermilch. Und guter Rotweingedanken gehört einfach zum Besuch des Lieblingsitalieners mit alten Freunden. Für mich selbst gehören Pappbecherkaffee und Müsli2go mittlerweile fest zum Urlaubsbeginn im FernBus.

Weil wir mit Essen Erinnerungen schaffen. Das Drum-herum zählt! Die ganze Geschichte um eine Mahlzeit herum muss stimmig sein, sonst schmeckt es nur halb so gut.

Kulinarische Authentizität. Die Faszination Essen. Guten Appetit!

Was ist für dich eine authentische Ess-Erfahrung?

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Leni

Unbeschreiblich

Worte. Ich liebe Worte! Liebe, was man alles mit ihnen anstellen kann.
Schimpfworte oder Neologismen zum Beispiel.  Man kann Worte zur Kunstform erheben oder sie zu den schönsten Liebesbriefen zusammensetzen. Wir können Luftschlösser mit Worten erbauen, die Realität lügennah beschönt porträtieren oder unheimlich verletzen. Wir können mit Worten so schreckliches Unheil anrichten. Oder besser heilen, als Medizin es je könnte. Wir können mit Worten Ports zu Parallelwelten öffnen.

Doch manchmal, da will ich nicht reden. Ich möchte mich nicht erklären oder versuchen, wie sonst immer in Sätze zu fassen, wie ich empfinde. Natürlich kann man jede Situation, jede Empfindung in Worte kleiden, in seidige Ballroben oder schmutzig zerfetzte Wort-Lumpen. In Metaphern oder Ellipsen.

Aber ich will nicht reden! Nicht jetzt… Ich kann es nicht.
Kann nicht in Worte fassen, wie ich mich fühle, auch wenn das sonst so problemlos funktioniert. Ich kann nicht in Sätzen beschreiben, was gerade mit mir los ist. Mir fehlen die Worte. Normalerweise bin ich sehr gut darin, mich auszudrücken und dir genau zu sagen, was ich fühle oder denke, was ich möchte, hoffe, glaube. Aber jetzt gerade will ich nicht reden. Und dir auch nicht zuhören. Ich möchte Kommunikation nur stumm betreiben, du musst doch sehen können! Du musst doch in meinen Augen lesen können, was ich nicht auszusprechen vermag! Mein Körper schreibt ganze Theaterstücke in seiner eigenen bewegten Sprache in die Luft und meine Augen rezitieren Gedichte. Nur meine Lippen sind unfähig, Worte an ihrer Türsteherbarriere vorbeizulassen. Meine Zunge kann sich nicht um sie schlingen, während sie so verquer durch meinen Schädel geistern. Weit entfernt von klar strukturierten Formulierungen.

Ich will nicht reden!

„We only said goodbye with words, I’ve died a hundred times“  – Amy Winehouse

Weil, egal welche Sätze jetzt aus mir herausstolpern würden, egal, welche Buchstabenkästen ich zusammensetzte, sie wären nicht passend. Manche Dinge sind unbeschreiblich in Zeichen.

I don´t wanna talk ! – … „I can´t“

Leni

MUT Probe

„Ich hasse es, zwischen Stühlen zu stehen.“, lautet meine leise gemurmelte Antwort auf deine Frage, woran ich gerade denke. Du schaust mich kurz an, vergräbst die Hände dann wie ich tief in den Taschen deiner Windjacke und einen Moment lang kann ich fast hören, wie die Gedanken in deinem Kopf herumwirbeln. Schließlich meinst du genau so leise: „Das geht vorbei. Da kommt ein neuer Stuhl.“ Hat du eine Ahnung, worüber ich gesprochen habe?

Ab wann zählt das hier? Was ist die unsichtbare Grenze?  Gibt es die überhaupt?  

… 3 Millionen Fragen – und noch so viel zu sagen …

DIE SCHWIERIGSTE MUTPROBE IST ABSOLUTE EHRLICHKEIT

„Woran denkst du gerade?“ 

An Mutproben. Und das ich diese hier so gern bestehen würde. Weil ich diesmal keine zweite Chance bekomme. Und das ich zwischen zwei Stühlen stehe. Wie bei Reise nach Jerusalem. Ich stehe zwischen dem einen Stuhl, von dem ich weiß, dass er sicher ist und das ich darauf sitzen bleiben kann. Dann gewinne ich zwar nicht, aber alles bleibt, wie es ist. Oder ich versuche, bis zum nächsten Stuhl zu kommen. Aber ich weiß nicht, ob ich das schaffe, bis die Musik wieder ausgeht. Oder ob jemand anders sich vielleicht eher darauf setzt.

MUTPROBE. EHRLICHKEIT. ÜBER GEFÜHLE REDEN.

Woran denkst du? 

Leni

Hinhören

Am Anfang hat es sich unfassbar merkwürdig angefühlt. So abgesondert. Isoliert. Einsam. Auch wenn ich mich instinktiv glaube ich nicht so gefühlt hätte. 

Vor ziemlich genau zehn Monaten, an meinem ersten freien Wochenende, habe ich den Koffer gepackt und bin für drei Tage „Kurzurlaub“ ein Stück die Bretagne hoch nach Brest gefahren.  Ganz allein. Habe mir ein Zimmer gemietet, den Laptop eingepackt und die große, schwere Kamera und bin mit mir selbst ausgegangen. Im ersten Café habe ich mich anfangs noch hinter der Getränkekarte versteckt. Ganz schön komisch, wie die Menschen gucken. Alle anderen sitzen immer in Pärchen oder Grüppchen vor ihren Chai Lattes und Macchiatos. Oder haben Home office – mäßig das MacBook vor sich auf dem Tisch und arbeiten so konzentriert, das die Allianz, die sie mit ihren flackernden Bildschirm-mattscheiben bilden schon fast als ménage à deux durchgeht. Aber allein mit einem Buch? „Wurde sie versetzt?“ Nein, wurde sie nicht. Wir sind es nur nicht mehr gewohnt, allein zu sein. Dabei ist das manchmal so wichtig. Kann so gut tun.

Ich war hier viel gezwungen, Dinge auch mal allein zu unternehmen.
Und irgendwann wurde aus dem Zwang ein Vergnügen. In meinem Freiwilligen-Alltag springen und wuseln immer mindestens fünfzehn bis zwanzig andere Menschen um mich herum. Da brabbeln schon mal 30 Leute in schnellem Französisch vor sich her und eine Handvoll Bewohner, anderer Freiwilliger oder geladener Gäste will immer irgendetwas von dir. Ganz schön anstrengend. Auch schön, Na klar! Mittlerweile gehört das für mich so sehr dazu, dass mir das Haus ganz gespenstisch vorkommt, wenn es einmal so still ist, dass man die alten Steine und das Holz, aus dem das bretonische Anwesen hier errichtet ist, knarzend und keuchend seine Geschichte erzählen hören kann. Und trotzdem: In den wenigen Minuten, Stunden, Augenblicken, in denen man dann allein ist, muss man sich erst einmal auf die Stille einlassen, die sich wie ein Mantel um einen legt. Und zumeist überschneiden sich die Pausen nicht mit denen anderer Freiwilliger. So kam es eben, dass ich begann, Dinge zum ersten Mal ganz bewusst allein zu tun.

Wir warten…
… auf den richtigen Moment, auf jemand anderen, auf Begleitung oder einen anderen Tag. Aber warum denn. Allein sein bedeutet doch nicht gleich Einsamkeit. Ich bin ein freier Mensch. Mit viel freiem Entscheidungs- und Handlungsspielraum. „Du kannst alles tun, was du willst“. Warum dann auf jemanden warten? Ich möchte diese Stadt sehen. Wenn ich also niemanden habe, der gerade Zeit oder Lust hat, mich zu begleiten, warum dann nicht allein? Nicht falsch verstehen. Ich liebe es, mit guten Freunden oder meiner Familie in den Urlaub zu fahren. Liebe es, die Freude und die schönen Momente, das Erlebte, direkt teilen zu können, mich mit einer anderen Person direkt gemeinsam daran zu erfreuen. Aber ich freue mich auch allein daran. Ich kann gut mit mir allein sein. Das habe ich dieses Jahr gelernt. Von Zeit zu Zeit mal ein bisschen abschalten. Den Schalter umlegen.

In mich selbst hineinhören. 
Was brauche ich? Was möchte ich? Wie kann ich mir selbst gut tun? Gutes tun? Meist gibt uns unsere innere Stimme eine ziemlich klare Antwort auf all diese Fragen, wenn wir ihr die Chance dazu geben. Wir müssen nur hinhören. Immer mal wieder. Von Zeit zu Zeit. Denn Ich und Ich sind ein ziemlich gutes Team. Und deshalb führe ich mich gern hin und wieder selbst auf einen Kaffee aus, kaufe mir einen Strauß Blumen oder fahre allein ans Meer. Nur mit einem Block, einem Stift und vielleicht noch einem guten Buch bewaffnet. Ziehe alleine durch die Geschäfte. Gehe spazieren.

Nächste Woche gehe ich allein ins Kino.
Nicht, weil ich versetzt wurde oder keine Freunde habe. Aber die Freundin, mit der ich gern gehen würde, muss arbeiten und meinen besten Freund, der sonst sehr gern ins Kino geht, bekommen nach eigenen Aussagen keine zehn Pferde in einen Film, der das Geschehen in der Pariser Oper dokumentiert. Gehe ich also alleine hin. Na und? Ruhe Insel. Allein sein können. Eine Unselbstverständlichkeit in Zeiten von Social Media und Whatts App Gruppenchats.

Ich habe ein Date mit mir selbst. Außerhalb der 100 Personen Alltags – Großfamilie.

Was ist mit dir? Kannst du allein sein?

Leni

Wunderwaffe

Ich habe mal eine Bilderreihe eines englischen Photografen gesehen. Zumindest glaube ich, dass er Engländer war. Naja, ist ja jetzt auch egal. Jedenfalls ging es in dieser Bilderreihe darum, dass eben dieser Mann viele Menschen zweimal porträtiert hat. Bevor, und nachdem er ihnen einen bestimmten Satz gesagt hatte. Die beiden Bilder hat er dann nebeneinander gesetzt und damit gezeigt, wie schön die jeweilige Person tatsächlich war. Und das waren keine Models oder Hochglanzmagazinartisten, Modeblogger oder sonstige Fashionistas. Er hat einfach ganz „normale“ Menschen fotografiert. Passanten.

Der Satz?  – “ Du bist schön“

Die Reaktion? – Ein manchmal etwas schüchternes, aber immer aufrichtiges und glückliches Lächeln. 

Was das zeigt? – Das der Satz „Das Schönste, was du tragen kannst, ist dein eigenes Lächeln.“ wahr ist. 

Wenn ich mich auf Fotos betrachte, oder auf den Videos, die mein Vater gelegentlich aufnimmt, dann finde ich mich auf den meisten davon ziemlich unerträglich. Ich schaue mürrisch, abwesend, oder aber, am Allerschlimmsten: Ich lächele gekünstelt in die Kamera. Ganz so, als wäre ich da, wo ich gerade bin, gar nicht gern. Dabei stimmt das nicht! Wenn ich aber auf einem Schnappschuss festgehalten werde, in einer kleinen, kurzen Momentaufnahme meines Lebens, wenn du mein Lachen einfrierst, dann sehe ich mir das Foto hinterher an und denke: „Hey, so übel ist das doch gar nicht.“ Schon klar, das klingt jetzt erstmal ziemlich oberflächlich.

– „Oh Gott, wie schrecklich, sie findet sich auf Fotos nicht hübsch. Komm drüber weg Mädchen, das Problem haben wir alle!“ –


Aber das ist es ganz und gar nicht. Ein Lächeln ist eine Frage der Einstellung. Glück ist eine Frage der Einstellung. Natürlich nicht nur. Schon klar. Aber das ist die Grundbedingung. Selbstakzeptanz. Eine positive Einstellung. Darum herum baut sich dann alles Andere auf. Wenn du dich selbst schön findest, dann strahlst du das auch aus. Und vor allem: Wenn du gesagt bekommst, dass du schön bist, oder klug, oder witzig, oder liebevoll, dann reflektierst du dieses Kompliment. In einem glücklichen Lächeln. In einem aufrechteren Gang. In einer offeneren Attitüde. In Lebenslustverhalten.

Also stell dich mal vor den Spiegel. „Und dann sag mir was du siehst. Schau nicht auf, hineinzusehen, bis du dein Bild darin liebst.“ – Julia Engelmann

Das schönste Kompliment, dass ich mal bekommen hab :
„Du strahlst immer so. Du bist immer so positiv.“

Natürlich stimmt das nicht. Ich habe schlechte Tage, pessimistische Minuten,
besch*** – oh, Internet, ähöm… – bescheidene Wochen, stressgefüllte Perioden. Aber ich versuche trotzdem, mir jeden Morgen zu sagen: „Heute ist ein guter Tag.“ Denn wir haben so ein Glück, hier zu sein. Dinge zu tun, die wir lieben, mit Menschen, die unser Zuhause sind. Momente zu erleben, die uns ein breites Lächeln schenken.

Ich finde die Aktion dieses Photografen wundervoll. Weil sie zeigt, wie wertvoll ein Lächeln ist. Und wie wichtig. Und das jeder Mensch schön ist. Und Talente und Fähigkeiten besitzt. Und Potential hat.

Geh raus und glaub dran! Macht Komplimente und schenkt Lächeln!

Leni

Eines Abends am Strand

Am Abend. Ich höre dein altes Auto auf den Hof fahren. Dann stehst du plötzlich in der Tür. „Komm mit. Wir brauchen noch Streichhölzer. Und ich klau euch ein bisschen Tageszeitung von gestern, geht das klar?“ „Logisch.“ Ich hol die Streichhölzer und meinen dicken Pulli. Zieh die Jacke drüber, weil es Nacht ist und kühl draußen. Dann winke ich den anderen zum Abschied, wünsche süße Träume und ziehe die alte Tür hinter mir zu. Ich quetsche mich zwischen Holzscheite, Decken und deine Musikbox ins Auto. Verbinde mein Handy mit dem Lautsprecher und dann leg ich die Beine hoch. „Angeschnallt?“ – „Los geht´s“. Ich dreh Keimzeit voll auf und obwohl du kein Wort verstehst, gefällt dir die Musik und ich singe laut mit und du trommelst zum Takt der Musik mit den Fingern aufs Lenkrad. Die Scheinwerfer leuchten uns einen hellen Weg durch die dunklen Straßen. Dort, um die nächste Ecke noch, dann stellen wir das Auto auf dem jetzt leergefegten Parkplatz ab, der tagsüber noch voller Menschen war. Ich nehme die Decke und klemme mir etwas zu trinken unter den Arm. Du nimmst das Holz mit, die alte Zeitung und den selbstgebackenen Kuchen. Und dann gehen wir über den weichen Sandweg zum Strand. Am Rand des Meeres setzen wir uns unter die Sterne. Wir wärmen uns die Hände am Feuer und reden über Gott und die Welt. Irgendwann hol ich ein Buch aus meiner Tasche. „Baudelaire – Les fleurs du mal“. Und du änderst die Musik. Weil nur Chopin zu Baudelaires Dichtkunst passt, sagst du. Und dann, dass ich die Welt um mich vergessen soll, wenn ich lese. Und während meine Stimme sich mit den Wellen wiegt, malen leise Klaviertöne einen Klangteppich, der meine Worte trägt. Später rezitierst du einen Poem, du musst ihn nicht mal ablesen, so gut kennst du die Worte. Und dann sitzen wir einfach nur da, essen Kuchen, lachen und reden. Und tanzen unter dem Sternenzelt, das nirgendwo so hell scheint wie hier. So viele, funkelnde Lichter, die ein kuppelartiges Netz über uns spannen.

„Hier kann man fast sehen, dass die Welt rund ist!“

Leni