Ankommen – nur wo? // Nach einem Jahr im Ausland zurückkehren

Allgemein

Als ich noch kleiner war, waren die wilden Hühner meine Lieblingsbuchreihe. Wie vermutlich von so ziemlich jedem Mädchen um die acht bis zehn Jahre. Meine Lieblingsfigur, Frida, kam damals auf die Idee, man müsse die schönsten Momente im Leben einfangen und in ein Marmeladenglas sperren können. Damit man an grauen, kalten Regentagen das Glas aufschrauben und ein bisschen Sonnenschein oder eine gute Umarmung auf der Haut spüren kann.

Die Idee hat mich nie losgelassen. Ich sammle in meinem Inspirations-/Notizbuch seit geraumer Zeit solche „Marmeladenglasmomente“ . Und gerade würde ich gern an ein paar von ihnen zurückkehren…

Ich bin zurück in Deutschland. Zurück „in der Heimat“ nach einem Jahr fernab von allem Vertrauten. Fernab von Sauerkraut und Schwarzbrot, Fahrradwegen und Familie. Weit weg von Händeschütteln zur Begrüßung und dem Elbufer.

Ich habe Baguette gegessen und Cidre getrunken, Küsschen verteilt, Sternschnuppen gezählt. Ich bin mit dem Auto zwanzig Minuten in die nächste Stadt gefahren, um einen Café trinken zu gehen (Espresso übrigens, der café au lait ist ein ziemlicher Schwindel und nicht sehr französisch) und ich habe nächteweise am Strand mit meinem besten Freund ums Lagerfeuer getanzt.

Und das alles, das ist nach und nach, schleichend und unaufgeregt… einfach ein Teil von mir geworden. Ich gehöre dort jetzt hin. Genau so sehr, wie ich auch hier hin gehöre. Ich habe Familie dort – genauso wie eben auch hier.

Ich bin ein bisschen Bretonin – und auch immer noch Sächsin – bien sûr.

Ich habe jetzt zwei Zuhause. Zwei Familien. Zwei Freundeskreise.

Und ich habe Heimweh. 

Ich kann damit noch nicht wirklich umgehen. Mit dem Zurückkommen. Mich wieder neu einfinden. Es fühlt sich komisch an, mit der Kassiererin im Supermarkt Deutsch zu sprechen, genauso wie es gestern merkwürdig war, den Leuten, die ich noch nicht kenne, beim Grillabend mit Freunden die Hand zu schütteln, anstatt ihnen ganz hemmungslos Küsschen auf beide Wangen zu drücken.

Warum empfinden wir so? Es macht mich traurig, dieses Heimweh zu spüren, wie kleine Nadelstiche im Herz. Ich bin doch Zuhause. Ich bin unglücklich, weil ich meine Familie vermisse, dabei ist sie doch hier.

Mir fehlt eine Hälfte. Mein Herz ist größer geworden im letzten Jahr. Problemerprobter, ungestümer, erfahrungsreicher, kulturgeteilter. Es hat sich einfach verdoppelt. Und jetzt herrscht in der neuen Seite plötzlich ein Vakuum, mit dem ich nicht umgehen kann.

Ich fühle mich – ein wenig ohnmächtig. Irgendwie fehl am Platz. Unvollständig. Ohne die Menschen und die Umgebung vom letzten Jahr. Es raubt mir Selbstvertrauen und ein kleines Stück meines Lächelns, sie nicht bei mir zu haben.

Das ist sicherlich normal – aber es tut weh. Heute. Und sicher auch noch morgen.

Und doch tut es gut, zu wissen, warum dieser Schmerz da ist. Weil ich jetzt zwei Zuhause habe. Zwei Familien. Zwei Freundeskreise. Zwei Plätze auf der Welt, an denen ich richtig bin – ich bin.

Mich würde interessieren: Habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht? Kommt noch jemand gerade aus dem Ausland zurück oder hat eine Zeit erlebt, die sein Leben verändert hat? Wo fühlst DU dich zuhause?

Leni

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