Hinhören

Allgemein, Gedankenpost, Reden wir mal über...

Am Anfang hat es sich unfassbar merkwürdig angefühlt. So abgesondert. Isoliert. Einsam. Auch wenn ich mich instinktiv glaube ich nicht so gefühlt hätte. 

Vor ziemlich genau zehn Monaten, an meinem ersten freien Wochenende, habe ich den Koffer gepackt und bin für drei Tage „Kurzurlaub“ ein Stück die Bretagne hoch nach Brest gefahren.  Ganz allein. Habe mir ein Zimmer gemietet, den Laptop eingepackt und die große, schwere Kamera und bin mit mir selbst ausgegangen. Im ersten Café habe ich mich anfangs noch hinter der Getränkekarte versteckt. Ganz schön komisch, wie die Menschen gucken. Alle anderen sitzen immer in Pärchen oder Grüppchen vor ihren Chai Lattes und Macchiatos. Oder haben Home office – mäßig das MacBook vor sich auf dem Tisch und arbeiten so konzentriert, das die Allianz, die sie mit ihren flackernden Bildschirm-mattscheiben bilden schon fast als ménage à deux durchgeht. Aber allein mit einem Buch? „Wurde sie versetzt?“ Nein, wurde sie nicht. Wir sind es nur nicht mehr gewohnt, allein zu sein. Dabei ist das manchmal so wichtig. Kann so gut tun.

Ich war hier viel gezwungen, Dinge auch mal allein zu unternehmen.
Und irgendwann wurde aus dem Zwang ein Vergnügen. In meinem Freiwilligen-Alltag springen und wuseln immer mindestens fünfzehn bis zwanzig andere Menschen um mich herum. Da brabbeln schon mal 30 Leute in schnellem Französisch vor sich her und eine Handvoll Bewohner, anderer Freiwilliger oder geladener Gäste will immer irgendetwas von dir. Ganz schön anstrengend. Auch schön, Na klar! Mittlerweile gehört das für mich so sehr dazu, dass mir das Haus ganz gespenstisch vorkommt, wenn es einmal so still ist, dass man die alten Steine und das Holz, aus dem das bretonische Anwesen hier errichtet ist, knarzend und keuchend seine Geschichte erzählen hören kann. Und trotzdem: In den wenigen Minuten, Stunden, Augenblicken, in denen man dann allein ist, muss man sich erst einmal auf die Stille einlassen, die sich wie ein Mantel um einen legt. Und zumeist überschneiden sich die Pausen nicht mit denen anderer Freiwilliger. So kam es eben, dass ich begann, Dinge zum ersten Mal ganz bewusst allein zu tun.

Wir warten…
… auf den richtigen Moment, auf jemand anderen, auf Begleitung oder einen anderen Tag. Aber warum denn. Allein sein bedeutet doch nicht gleich Einsamkeit. Ich bin ein freier Mensch. Mit viel freiem Entscheidungs- und Handlungsspielraum. „Du kannst alles tun, was du willst“. Warum dann auf jemanden warten? Ich möchte diese Stadt sehen. Wenn ich also niemanden habe, der gerade Zeit oder Lust hat, mich zu begleiten, warum dann nicht allein? Nicht falsch verstehen. Ich liebe es, mit guten Freunden oder meiner Familie in den Urlaub zu fahren. Liebe es, die Freude und die schönen Momente, das Erlebte, direkt teilen zu können, mich mit einer anderen Person direkt gemeinsam daran zu erfreuen. Aber ich freue mich auch allein daran. Ich kann gut mit mir allein sein. Das habe ich dieses Jahr gelernt. Von Zeit zu Zeit mal ein bisschen abschalten. Den Schalter umlegen.

In mich selbst hineinhören. 
Was brauche ich? Was möchte ich? Wie kann ich mir selbst gut tun? Gutes tun? Meist gibt uns unsere innere Stimme eine ziemlich klare Antwort auf all diese Fragen, wenn wir ihr die Chance dazu geben. Wir müssen nur hinhören. Immer mal wieder. Von Zeit zu Zeit. Denn Ich und Ich sind ein ziemlich gutes Team. Und deshalb führe ich mich gern hin und wieder selbst auf einen Kaffee aus, kaufe mir einen Strauß Blumen oder fahre allein ans Meer. Nur mit einem Block, einem Stift und vielleicht noch einem guten Buch bewaffnet. Ziehe alleine durch die Geschäfte. Gehe spazieren.

Nächste Woche gehe ich allein ins Kino.
Nicht, weil ich versetzt wurde oder keine Freunde habe. Aber die Freundin, mit der ich gern gehen würde, muss arbeiten und meinen besten Freund, der sonst sehr gern ins Kino geht, bekommen nach eigenen Aussagen keine zehn Pferde in einen Film, der das Geschehen in der Pariser Oper dokumentiert. Gehe ich also alleine hin. Na und? Ruhe Insel. Allein sein können. Eine Unselbstverständlichkeit in Zeiten von Social Media und Whatts App Gruppenchats.

Ich habe ein Date mit mir selbst. Außerhalb der 100 Personen Alltags – Großfamilie.

Was ist mit dir? Kannst du allein sein?

Leni

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