Drei magische Worte

Gedankenpost

„Geht es dir gut?“ , fragst du mich, an die Küchentheke gelehnt, während ich mir einen zweiten Kaffee eingieße. „Jaja, passt schon.“, antworte ich schulterzuckend. Die Sonne scheint. Mir ist trotzdem kalt. Ich presse meine Hände fest an die dampfende Tasse und folge dir nach draußen in den Sonnenschein. Wir setzen uns auf die Gartenstühle und legen die Füße hoch. „Also los, was stimmt nicht?“, fragst du. „Nein ehrlich, passt schon.“, wehre ich ab. „Mir gehts gut.“ Das ist doch unsere Lieblingslüge. Wir wiederholen diese magischen drei Worte ständig und jedem Menschen gegenüber. Ich auch. Nur dir gegenüber normalerweise nicht. Aber heute schon. Weil es mir peinlich ist, die Wahrheit zu sagen. Weil es mir zu peinlich ist, mir selber zuzuhören, wenn ich sage, dass es mir eben heute nicht gut geht.
„Ich hab nichts.“, versuche ich mich also selbst zu überzeugen. Das will nicht so richtig klappen, deshalb hänge ich ein paar Argumente hintendran. „Die Sonne scheint, obwohl es hieß, wir hätten heute strömenden Regen. Ich habe zu Essen und zu Trinken, ein Dach über dem Kopf und ein Bett, in das ich mich abends schlafen legen kann. Mir geht es gut. Ich habe keinen Grund, schlecht drauf zu sein.“ Ich nehme einen großen Schluck Kaffee. Du siehst mich an und ich hab das Gefühl, du scannst meine Gedanken.
„Mh.“, meinst du skeptisch. Und einen Moment später: „Kennst du die Relativitätstheorie?“ Ich zucke mit den Schultern, meine, dass ich davon schon mal was gehört hätte, aber dir jetzt nicht sagen könne, was genau das sei. Haben wir bestimmt irgendwann in Philosophie oder Deutsch oder irgendwo anders mal drüber geredet. Wieso? Was ist das denn? „Ach“, meinst du, „eigentlich ein großer Haufen Mist. Grob zusammengefasst kann man sagen, dass es einfach falsch ist. Nur weil es dir „eigentlich“ gut geht“, du setzt mit den Fingern Anführungszeichen in die Luft, um zu unterstreichen, dass du genau weißt, dass ich schwindel, „heißt das noch lange nicht, dass du automatisch jeden Tag glücklich sein musst.“
Stimmt das? Das klingt für mich erst mal ganz plausibel.

Und trotzdem. Ich hab doch nichts. Luxusprobleme. „First-World-Problems“.
Zukunftsgeflatter. Ungewissheitsangst. 

„Ich bin schlecht drauf, weil ich das Raum-Zeit-Kontinuum nicht steuern kann.“

Das käme wohl als Antwort der Wahrheit am Nächsten. Aber das kann ich dir grade nicht sagen.
Ich kann dir nicht sagen, dass ich schlecht drauf bin, weil ich nicht weiß, wo ich in drei Monaten stehe. Oder in fünf.
Ich kann dir nicht sagen, dass mir Tränen in die Augen steigen, weil hinter meinen Augen ein Countdown rot aufleuchtet, jedes Mal, wenn ich dich sehe. Weil wir uns viel zu bald schon viel zu lange nicht mehr sehen.
Und das ich am Liebsten jedes Mal den „Pauseknopf“ drücken und die Zeit ein wenig länger noch anhalten will, wenn ich mit nackten Zehen am Strand stehe. Weil es den bei mir zuhause nicht gibt.
Nein, es geht mir nicht gut. Weil ich eigentlich jeden Tag mit guter Laune füllen möchte, wo ich doch so viele Gründe dafür hätte und es trotzdem nicht schaffe. Es geht mir nicht gut, weil ich dich jedes Mal, wenn wir uns verabschieden, ein bisschen fester umarme, weil ich denke, dass ich das in drei Monaten, wo auch immer ich dann stehe, eben nicht mehr tun kann.

Und ich hab ja auch eigentlich nichts. Luxusprobleme. Zukunftsgeflatter. Ungewissheitsangst. 

Weil ich nicht „Pause“ drücken kann. Niemand kann das. 
Noch 14, noch 13, noch 12 … 
Ich trink den letzten Schluck Kaffee. „Morgen gehts mir wieder besser“, sage ich lächelnd. 
Und umarm dich, bevor du wieder gehst.
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