Zugfahrten

Ich schultere meine Kraxe. Der große, vollgestopfte Rucksack überragt mich um mehrere Köpfe und drückt sich schwer an meinen Rücken. Mir wird jetzt schon warm. Am Bahnhof krame ich mein Ticket aus der Tasche. Ist das auch wirklich der richtige Zug? Platz finden. Gepäck verstauen. Kopfhörer rein. Meghan Trainor singt laut und fröhlich in mein Ohr, während draußen die Landschaft an mir vorbeizieht. Eigentlich wäre ich jetzt viel lieber auf der anderen Seite des Schiebefensters. In der Natur. Irgendwo an einem der lauschigen Plätzchen, die ich im Vorbeifahren gesehen habe. Im Halbschatten, die nackten Zehen im Gras und mein Buch in der Hand. Schreiben, Lesen, noch mehr Musik.
Die Reiseplaylist ist jetzt schon zum zweiten Mal abgespielt. Ich durchlaufe einige Abteile, um mir einen Kaffee zu organisieren. Lächle meine Sitznachbarin entschuldigend an. Tut mir leid… Praline? Die guten, von Omi. Wahnsinn, wie viele Menschen in diesem Zug sitzen.
Ich empfinde es jedes Mal als kleines Wunder, wenn ich mir vor Augen führe, wie viele neue Gesichter wir jeden Tag zu sehen bekommen. Gesichter, die wir vorher noch nie angeschaut haben, unbekannte Lächeln, traurige Augen oder nachdenklich und genervt zusammengezogene Stirnen. So viele Menschen. Mit so vielen Geschichten. Und so vielen verschiedenen Wegen. Und einem gemeinsamen Schnittpunkt. Das gleiche Stammcafé. Der gleiche Arbeitsweg. Dieselbe Idee für den Wochenendausflug. Der gleiche Zug. Neue Menschen rechts und links, Eindrücke kommen und gehen ständig Hand in Hand, in Wimpernschlagssekunden. „Welches Glück wir doch haben, auf der Welt zu sein!“, schießt es mir durch den Kopf, während ich mir die Zunge am brühend heißen Kaffee verbrenne.
Am Zielbahnhof muss ich umsteigen. Schnell, schnell. Ich habe nicht viel Zeit. Weiche Rollkoffern, pinken Reisetaschen und riesigen Rucksäcken aus. Schlängle mich durch Touristengruppen, jugendliche Klassenfahrtenpulks und an Großfamilien vorbei und jage dann aufs nächste Gleis. Bloß nicht den Zug verpassen. Ein kleines Mädchen übersehe ich fast. Kurz halte ich an, als sie ihre heruntergefallene Puppe genau vor meinen Füßen einsammelt. Lächle ihr zu. Sie grinst zurück. Und saugt damit ein wenig von meiner inneren Unruhe ab. Eine Sekunde durchatmen. Nicht stressen lassen. Zügig laufend komme ich am Anschlusszug an. Alles gut gegangen.

Ist das auch wirklich der richtige Zug? Platz finden. Gepäck verstauen. 
Kopfhörer rein. Reiseplaylist an. Dem Sitznachbarn „Hallo“ sagen. 
„Und, wo fährst du hin?“ 
„Praline?“

Leni

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